Ausgebrannter Traktor nach Ackerbrand am Rhein-Radwanderweg nahe Bad-Breisig August 2018

Unser Bürstadt brennt

In Bürstadt klafft eine riesige Lücke zwischen notwendigem Klimaschutz und der tatsächlichen Umsetzung, wie fast überall auf der Welt. Auch wir in Bürstadt müssen dringend mehr für den Klimaschutz tun.

Unser gemeinsames Haus

In meinem Beitrag „Unser Haus brennt immer noch“ habe ich die Metapher des brennenden Hauses von Papst Franziskus und Greta Thunberg für das weitgehende Versagen der europäischen Politik beim Klimaschutz erläutert.

Aber Klimaschutz ist nicht nur ein globales Problem. Ein sich veränderndes Klima wird auch an Bürstadt nicht spurlos vorbei gehen. Und wir müssen in Bürstadt unseren Beitrag dazu leisten, dass Deutschland, Europa und die Welt eine katastrophale Klimaerwärmung noch verhindern kann.

Klimafolgen in Bürstadt

Bislang hat sich die Welt um ca. 1°C gegenüber der vorindustriellen Zeit erwärmt. Die schlimmen Folgen der Klimaerwärmung werden für eine globale Erwärmung über ca. 1,5°C bis 2°C erwartet. Die Zahlen der Klimaerhitzung werden gewöhnlich als globaler Mittelwert angegeben. Aber da sich die Meere langsamer erwärmen als die Landmassen, ist die Temperatur in Deutschland bereits um fast 1,5°C bis 2 °C gestiegen. Diese Erwärmung verschiebt häufig die Wahrscheinlichkeit für unangenehme Ereignisse.

Wir Bürstädter sind daher in folgender Weise bereits jetzt vom Klimawandel mit betroffen:

  • Die Dürre der letzten Jahre hat zu einem Zusammenbruch des Wald-Ökosystems bei Bürstadt geführt. Sie hat auch zu erheblichen Belastungen in Gärten und in der Landwirtschaft geführt.
  • In 2018 war der Rheinpegel so niedrig, dass die Schifffahrt erheblich beeinträchtigt wurde mit Auswirkungen auf die Industrie-Umsätze.
  • Die auch durch den Klimawandel mit verursachte Dürre in Syrien in den Jahren 2006-2011 hat 1,5 Millionen Menschen in Syrien zur Migration gezwungen und gilt als eine der Ursachen des syrischen Bürgerkriegs und des folgenden IS-Konflikts. Damit war der Klimawandel eine Mitursache für die Flüchtlingskrise in Deutschland 2015. Die Flüchtlingskrise war eine Mitursache für das erstarken politisch rechter Gruppierungen in Deutschland wie der AfD.
  • Das Robert-Koch-Institut hat für den Sommer 2018 etwa 740 Hitzebedingte Todesfälle für Hessen geschätzt.
  • Der Klimawandel trägt zum Artensterben bei. Die ansteigenden Temperaturen treiben das Artensterben voran, weil viele Tiere und Pflanzen nur in einem bestimmten Temperaturbereich überleben können. Wird dieser überschritten, müssen sie in kühlere Regionen ausweichen. Ist das nicht möglich, sterben sie.
  • Der Klimawandel begünstigt die Ausbreitung von Zecken. Vor 30 Jahren galt der Kreis Bergstraße noch nicht als FSME-Riskogebiet. Heute sind wir es leider. Die FSME breitet sich tendenziell von Süden nach Norden in Deutschland aus.
  • Der Grundwasserspiegel bei Bürstadt ist in den letzten Jahren gesunken. Zwar ist er noch nicht niedriger als vor 12 Jahren. Wenn die Dürre aber fortbesteht, kann nur zusätzliche Rheinwasserversickerung einen weiteren Abfall des Grundwasserspiegels verhindern.
  • In den Jahren 2018 und 2019 gab es besonders viele Schadensfälle bei den Versicherungen. Dadurch steigen die Versicherungsgebühren.
  • Der Klimawandel erhöht auch die Wahrscheinlichkeit, dass Krankheitserregern der Sprung von einem anderen Wirtstier auf den Menschen gelingt, was zu einer Pandemie führen kann. Die Wahrscheinlichkeit für die Covid-19 Pandemie wurde also durch den Klimawandel erhöht.

Das sind nur einige der Folgen einer leichten Erwärmung um 1 °C. In den nächsten Jahrzehnten wird sich die Erde unvermeidlich weiter erwärmen. Mit gravierenden Folgen für unsere Zukunft.

Ausgebrannter Erntemaschine nach Ackerbrand am Rhein-Radwanderweg nahe Bad-Breisig August 2018

1,5°C Klimazukunft in Bürstadt

Es gibt keine genauen Modellrechnungen für die kleinräumigen Auswirkungen des Klimawandels auf einzelne Städte. Bei moderater zusätzliche Erwärmung können folgende Auswirkungen vermutet werden:

  • Sowohl Dürrephasen als auch Starkregen werden weiter zunehmen. Schon eine Erwärmung von 1,5 Grad bedeutet, dass Hitzejahre wie 2018 normal werden. Dies wird zu Niedrig- und Hochwasser am Rhein führen. Das Risiko von Überschwemmungen ist aber nicht gebannt. Veränderte Regenfälle als Folge der globalen Erwärmung werden das Risiko von Überschwemmungen an Flüssen vielerorts stark erhöhen – auch in Deutschland. Davon gehen Wissenschaftler des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) […] aus.
  • Wir müssen mit mehr und größeren Acker- und Waldbränden rechnen. Wir brauchen also eine leistungsfähigere Feuerwehr.
  • Der Klimawandel breitet Stechmücken den roten Teppich aus.
  • Der Rheinpegel im Sommer wird tendenziell sinken, weil im Winter in den Alpen weniger Gletschereis gebildet wird, das im Sommer wieder abschmelzen kann. Dadurch wird es auch in Deutschland zu Ressourcenkonflikten in der Wassernutzung kommen.
  • Der Rheinpegel im Winter wird tendenziell steigen, weil im Winter in den Alpen weniger Gletschereis gebildet wird und sich mehr Niederschläge als Regen sofort zeitnah in die Flüsse ergießen. Dadurch steigt das Risiko von Überschwemmungen.
  • Bürstadt wird von den weltweiten Veränderungen nicht unberührt bleiben. Zusammenbrechende Gesellschaften sind keine guten Kunden für unsere Industrie. Die Rohstoffversorgung wird stärkeren Schwankungen unterliegen.
  • Dürre und Hitze werden zu Schwankungen der weltweiten Lebensmittelpreise führen.
  • Durch den Kampf gegen den Klimawandel kann es zu einem Platzen der Blase der fossilen Energieträger kommen und dadurch in Folge zu einer globalen Wirtschaftskrise.
  • Wir werden mehr und neue Krankheiten bekommen. Sowohl Krankheiten der Menschen, als auch Krankheiten der Wild– und Haustiere und der Wild- und Kulturpflanzen. Krankheiten werden sich sowohl endemisch, als auch als Epidemie oder gar Pandemie auftreten.

Ungebremster Klimawandel in Bürstadt

Die Aussichten für eine Klimaerhitzung von 1,5°C bis 2°C sind hart. Aber im Moment ist die Einhaltung dieses Ziels fragwürdig. Der „United Nations Emission Gap Report“ ist ein Bericht über die Anstrengungen aller Nationen, das Pariser Klimaziel einzuhalten.

„Wenn die bisherigen bedingungslosen Zusagen aller Staaten vollständig umgesetzt werden, besteht eine 66% Wahrscheinlichkeit, dass die Erwärmung am Ende des Jahrhunderts auf 3,2°C begrenzt wird.“

United Nations Emission Gap Report. Übersetzung: Bernd Herd

Eine 3,2°C wärmere Welt wäre eine völlig veränderte Welt. Beispielsweise würde weltweit kaum ein jetzt lebender Baum in einer Umgebung stehen, in der er gedeihen könnte. Das ist etwa der Unterschied zwischen der letzten Eiszeit und heute. Man muss ernsthaft damit rechnen, dass die menschliche Zivilisation in einer solchen Welt zusammen brechen könnte. Die Folge wären viele Milliarden Tote.

Das hätte auch entsprechende Auswirkungen auf uns. Ich stelle mir eine solche Welt vor wie Deutschland gegen Ende des zweiten Weltkriegs. Nur, dass man gegen diesen Feind nicht kapitulieren könnte.

Aus diesem Grunde muss eine solch starke Globale Erwärmung unbedingt vermieden werden. Und Bürstadt muss seinen Teil dazu beitragen.

Beschlusslage in Bürstadt

Am 18.9.2019 hat die Bürstädter Stadtverordnetenversammlung beschlossen:

Die Auswirkungen des weltweiten von Menschen mit verursachten Klimawandels sind auch in unserer Stadt deutlich zu spüren. Steigende Temperaturen, Wald- und Feldbrände, Dürre- und Hitzeperioden sowie Überschwemmungen bei Extremwetterereignissen machen ein ernsthaftes und nachhaltiges Handeln aller Akteure aus Verwaltung, Politik und Bürgerschaft erforderlich, um mit konkreten Maßnahmen einen Beitrag zur Eindämmung dieser schwerwiegenden Folgen zu leisten.

Mit 17 Nachhaltigkeitszielen haben die Vereinten Nationen die Weichen für die Zukunft unserer Welt gestellt: Sie sollen eine gesunde Ernährung und ein Leben frei von Armut sicherstellen. Ebenso fördern die Sustainable Development Goals (SDGs) den Zugang zu Bildung und Gesundheitsinfrastruktur für alle Menschen. Zur Verwirklichung gilt es für die internationale Politik wie Zivilgesellschaften, die Ziele als integriertes Konzept zu verstehen und entsprechend Umzusetzen.

Unsere Umwelt- und Klimapolitik muss engagiert fortgesetzt und mit konkreten Schritten weiterentwickelt werden. Deshalb wird die Stadt Bürstadt ambitioniert Maßnahmen ergreifen, um einen eigenen Beitrag gegen die globale Erwärmung und Klimakrise zu leisten.

In einem ersten Schritt werden wir auf dem Bildungs- und Sportcampus eine nachhaltige Energieversorgung umsetzen und dieses Areal bis spätestens zum Jahr 2050 klimaneutral betreiben. Hierzu sind zwei wesentliche Maßnahmen zur Versorgung des Gebietes beschlossen:
a) Ein Stromrealnetz, das Synergieeffekte bei der Eigenstromnutzung aus PV-Anlagen und bei der gemeinsamen Nutzung von Speichermöglichkeiten schafft.
b) Ein Wärmenetz, das einen Ausstieg aus der fossilen Energieversorgung für das Schwimmbad, dem größten Energieverbraucher auf dem Campus, ermöglicht.

Darüber hinaus wird die Stadt Bürstadt dazu aufgefordert, bei allen neuen Wohn- und Gewerbesiedlungsentwicklungen ein Energiekonzept zu erstellen und bei zukünftigen Beschlussempfehlungen die Klimaauswirkungen gegenüber dem Ist-Zustand darzustellen und Lösungen zu bevorzugen, die positive Auswirkungen für Klima, Umwelt und biologische Vielfalt haben.

Die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Bürstadt unterstützt das Engagement der Bürgerinnen und Bürger aller Generationen, die sich in Stadt und Region für den Klima- und Umweltschutz einsetzen und lädt sie zum Dialog ein, um am verantwortungsbewussten Arbeiten in geeigneten Gremien teilzuhaben.

Die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Bürstadt beauftragt die Verwaltung
a) bis zum Ende dieser Wahlperiode ein integriertes Klimaschutzkonzept zu erarbeiten
b) regelmäßig – mindestens alle 24 Monate und soweit die erforderliche Datenbasis verfügbar ist – im Rahmen eines Umwelt- und Klimaschutzberichtes über Ziele, Maßnahmen und Ergebnisse der örtlichen Nachhaltigkeitspolitik zu berichten.
c) die Rahmenbedingungen für eine bürgerorientierte Prozessbegleitung z.B. in Form von thematischen „Agenda-Tischen“ zu schaffen.

Die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Bürstadt fordert die hierzu erforderlichen Mittel im Haushaltsplan der Stadt Bürstadt für das Jahr 2020 in einem Budget „Umwelt- und Klimaschutz“ einzuplanen.

Beschluss der Bürstädter Stadtverordnetenversammlung vom 18.9.2019

Man könnte nun annehmen, dass Bürstadt die wesentlichen Entscheidungen bereits getroffen hätte. Allerdings scheint sich an der Handlungsweise in Bürstadt nicht viel geändert zu haben.

Realpolitik in Bürstadt

  • Bürstadt hat es trotz entsprechenden Antrags der GRÜNEN versäumt, bei der Baugenehmigung für die 60.000m² Rossmann Lagerhalle eine Auflage zu machen, dass das Dach als Photovoltaik-Anlage ausgebaut werden muss. „Solarzellen auf Rossmann-Dach? Das haben wir versäumt'“ Hauptgrund waren die zusätzlichen Kosten für die Dachkonstruktion, die aber nur ein Bruchteil der Investitionskosten einer Photovoltaik-Anlage gewesen wären. Jetzt kann das Dach nicht voll für Photovoltaik genutzt werden, weil die Dachkonstruktion nicht stabil genug ausgelegt ist.
  • Die Bürstädter CDU widersprach der Forderung der GRÜNEN, im geplanten Neubaugebiet Sonneneck Auflagen zu erlassen, auf jedem Dach eine Solaranlage zu installieren.
  • Das Bürstädter Stadtparlament unterstützt die Nutzung von 5 Hektar (50.000m²) Fläche in Lampertheim als Freiflächen Photovoltaik-Anlage nicht, wegen des Verlusts an Ackerland.
    Wenn wir Photovoltaik weder auf Industriedächern, noch auf ausreichend vielen Privatgrundstücken, noch auf Freiflächen installieren, wie wollen wir dann bis 2050 klimaneutral werden?
  • Die Stadt Bürstadt arbeitet an einem neuen Radverkehrskonzept, bei dem in 10 Jahren 500.000 € zur Verbesserung der Radinfrastruktur in Bürstadt investiert werden sollen. Es handelt sich dabei um sinnvolle, aber kleine Verbesserungen. Das entspricht einem Investitionsvolumen von ca. 3 € pro Einwohner und Jahr. Zum Vergleich: In Kopenhagen sind es 35,60€ pro Einwohner und Jahr. Wenn wir wollen, dass eine Verkehrswende hilft, unsere CO2-Emissionen zu verringern, dann müssen wir da mehr tun. Dabei hat Bürstadt so viel Nachholbedarf gegenüber Dänemark oder den Niederlande.
  • Stattdessen wird die Bürstädter Innenstadt gerade mit Millioneninvestitionen autofreundlicher umgestaltet ohne den Bedürfnissen von verweilenden Fußgängern oder Radfahren viel Gewicht zu geben. Dies widerspricht den Empfehlungen von Verkehrswissenschaftlern.

Die Beschlusslage würde ich also so zusammenfassen: „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass„.

Schäden im Bürstädter Wald

Das integrierte Klimaschutzkonzept

Offenbar sind sich die Bürstädter Politiker einig, dass wir mehr Klimaschutz brauchen. Aber bei jeder Einzelfallentscheidung fehlt der Mut, konkreten Bürgern eine zusätzliche Last aufzuerlegen. Es droht die „Tragik der Allemende„. Die Problemursache ist das fehlende Gesamtkonzept. Daher wurde auch im Beschluss vom 18.9.2019 die Erstellung eines „integrierten Klimaschutzkonzepts“ beschlossen.

Bei Vorhandensein eines integrierten Konzepts können die Einzelentscheidungen im Rahmen des Konzepts bewertet werden, ob es angemessen ist, den Bürgern diese Pflicht aufzubürden.

Wenn sich bei der Erstellung des Klimaschutzkonzepts zeigen würde, dass Bürstadt für Klimaneutralität PV-Anlagen nicht nur auf Dächern, sondern auch auf Freiflächen benötigt, dann ergäbe es keinen Sinn mehr, diese Freiflächenanlagen pauschal abzulehnen.

Wenn im Klimaschutzkonzept dann stehen würde, dass für die Stromgewinnung 70% der Dachflächen mit Photovoltaik belegt werden müssten, um weniger Ackerflächen belegen zu müssen, dann ergibt eine Ablehnung der Photovoltaik-Pflicht in Neubaugebieten offensichtlich keinen Sinn mehr.

In der Zwischenzeit können sich konservative CDU-Politiker nicht dazu durchringen, die Zeichen der Zeit zu erkennen und ihre Handlungen den neuen Bedingungen anzupassen.

Klar ist aber auch, dass die Konzepterstellung selbst voller politischer Entscheidungen sein wird. Wenn z.B. im Klimaschutzkonzept davon ausgegangen wird, dass 80% der klimaneutralen Energie aus dem Ausland importiert werden wird, wie es Herr Altmeier von der CDU konzipiert, wird man auf ganz andere Konzepte kommen als würde man davon ausgehen, dass 100% der klimaneutralen Energie in Deutschland hergestellt werden, wie es z.B. Herr Prof Volker Quaschning von der HTW Berlin konzipiert.

Konzept in Besnsheim

Die Stadt Bensheim ließ schon 2014 einen „Masterplan 100% Klimaschutz“ erstellen, der zwar mittlerweile ein wenig veraltet ist, aber im Zumindest einen vernünftigen Plan darstellt, der in Bürstadt noch fehlt. Bürstadt hat 2009 ebenfalls die Erstellung eines solchen Plans zugesagt, dies dann aber unterlassen.

Bernd Herd

Dipl. Ing. Bernd Herd (TH), Software Entwicklung http://www.herdsoft.com/ Telefon: 06206-707775

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